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Target Operating Model im technischen B2B – Teil 3: Kultur, Performance Culture und Arbeitsrituale

1. Warum Kultur Teil des TOM ist – und nicht „nice to have“

Wer will, kann ein TOM extrem detailliert ausdokumentieren. In Teil 1 habe ich beschrieben, warum ich das – gerade im technischen B2B – kritisch sehe: In einer VUCA/BANI‑Welt riskieren wir sonst, an einmal verschriftlichten Prozessen festzuhalten, während sich Kundenverhalten und Märkte längst weiterentwickeln.

In Teil 2 haben wir gesehen: Ja, ein TOM braucht Struktur – insbesondere bei Segmentierung, Positionierung, Rollen, Kernprozessen und Systemlogik. Nein, ein TOM darf nicht versuchen, jede Variante des Alltags zu normieren. Ein sinnvoller Detaillierungsgrad ist aus meiner Sicht:

  • klar dokumentierte Logik von Segmentierung → Positionierung & Wettbewerbsvorteile (Value‑Based Selling) → Kundenzufriedenheit → Kundengewinnung & Kundenbindung,
  • ein verständliches Rollenbild für KAM‑Teams, Flächenvertrieb, Inside Sales, Service und Marketing – ohne starre Hunter/Farmer‑Schubladen,
  • 3–5 Kernprozesse, die den roten Faden der Wertlogik tragen,
  • eine System‑ und KPI‑Logik, die Outcome vor Output stellt und mit OKR und Deep‑Work‑Ritualen zusammenpasst.

Der Rest entsteht im operativen Alltag: durch Experimente, Lernen und Teams, die ihr Operating Model regelmäßig hinterfragen. Genau an dieser Stelle wird Kultur relevant. Der oft zitierte Satz „Culture eats strategy for breakfast“, der Peter F. Drucker zugeschrieben wird, bringt für mich sehr treffend auf den Punkt: Selbst die beste Strategie bleibt wirkungslos, wenn sie nicht zur gelebten Kultur und Arbeitsweise passt.

Die Struktur eines TOM ist daher nicht unabhängig von der Kultur zu denken, sondern leitet sich aus der Strategie ab und muss zugleich kulturell anschlussfähig sein. Meine persönliche Sichtweise ist: Wer im technischen B2B nachhaltig differenzieren will, positioniert sich nicht nur über Hardware oder Produktmerkmale, sondern über klar erkennbare Mehrwerte für den Kunden – also über Value‑Based Selling. Dazu braucht es Strukturen, die kontinuierliches Lernen ermöglichen, etwa durch ein agiles Rahmenwerk wie Objectives and Key Results, und Recruiting‑ sowie Talentmanagement‑Ansätze, die sicherstellen, dass die richtigen Menschen mit den richtigen Fähigkeiten im System sind.

Denn erst das Zusammenspiel aus Strategie, Struktur und Kultur entscheidet darüber, ob ein TOM im Alltag Wirkung entfaltet oder lediglich sauber dokumentiert ist. Ein Organigramm kann man zeichnen, Prozesse kann man beschreiben, Kennzahlen kann man definieren. Ob daraus jedoch echte Kundenorientierung, Anpassungsfähigkeit und Wertschöpfung entstehen, entscheidet sich in der gelebten Kultur. Wer im technischen B2B erfolgreich differenzieren will, braucht deshalb ein Zusammenspiel aus klarer Strategie, passender Struktur und einer Kultur, die Lernen, Kundenorientierung und Eigenverantwortung tatsächlich zulässt. Erst wenn diese drei Elemente zusammenwirken, wird aus einem TOM ein wirksames Betriebsmodell.

2. Performance Culture als Organisations‑ statt Individualthema

In vielen Organisationen wird „Leistungskultur“ mit mehr KPIs, mehr Reporting und mehr Aktivitätsdruck verwechselt. Analysen zu Performance Culture zeigen ein anderes Bild: Hochleistungsorganisationen zeichnen sich weniger durch mehr Kontrolle als durch klarere Strukturen, gemeinsame Datenmodelle, definierte Rollen und regelmäßige Feedbackzyklen aus.

Performance Culture in Marketing und Vertrieb hat für mich fünf zentrale Designprinzipien:

  • Outcomes vor Outputs
    Entscheidend ist nicht, was getan wurde, sondern welche Wirkung es bei Kunden erzeugt hat. KPI‑Systeme sollten konsequent auf Outcomes im Sinne von beobachtbarem Kundenverhalten ausgerichtet sein, nicht primär auf Aktivität.
  • Gemeinsames Datenmodell statt Siloberichte
    Eine „Single Source of Truth“ im CRM als Basis für alle Entscheidungen reduziert Reibungsverluste und verhindert, dass Marketing, Vertrieb, Produktmanagement und nicht zuletzt KI‑Agenten mit unterschiedlichen Wirklichkeitsbildern arbeiten.
  • Rollen klären, nicht nur Ziele setzen
    Leistungserwartungen müssen zum Rollenverständnis, zu Entscheidungsbefugnissen und zu Ressourcen passen. Nur wer seinen Handlungsspielraum kennt, kann Verantwortung übernehmen.
  • Rhythmen statt Einmalereignisse
    Performance entsteht nicht durch Jahres‑Kick‑offs oder Einzeltrainings, sondern durch kontinuierliche Feedbackzyklen, gemeinsames Lernen am Markt, Austausch mit hoher Taktfrequenz und agile Frameworks.
  • Psychologische Sicherheit als Fundament
    Ohne die Bereitschaft, offen über Misserfolge zu sprechen, gibt es keine Lernfähigkeit – und ohne Lernfähigkeit keine nachhaltige Performance. Studien zu Team‑Performance belegen klar den Zusammenhang zwischen psychologischer Sicherheit, Lernverhalten und Ergebnisqualität.

Performance Culture ist damit kein individuelles „mehr anstrengen“, sondern ein Thema des Organisationsdesigns. Kultur, Struktur und Steuerungslogik bestimmen, ob Menschen ihre Kompetenz zur Wirkung bringen können oder ob sie gegen das System arbeiten müssen

3. Gemeinsame Revenue‑Engine von Marketing, Vertrieb und Produktmanagement

Im technischen B2B ist Leistung selten das Ergebnis einer einzelnen Abteilung. Marketing, Vertrieb und Produktmanagement bilden gemeinsam die Revenue‑Engine – ob wir das explizit so nennen oder nicht.

Die Rollen im Revenue‑Kontext lassen sich vereinfacht so beschreiben:

  • Produktmanagement
    • Marktanforderungen aus Kundenfeedback in Produktprioritäten übersetzen.
    • Vertrieb mit Argumenten, Wettbewerbspositionierung und technischer Tiefe befähigen.
    • Innovationsmanagement auf Produktebene im Sinne von Design Thinking und UX.
  • Marketing
    • Klare Positionierung und Differenzierung über Value‑Based Selling sicherstellen – in enger Kombination mit Brand‑Management.
    • Content entlang der Produkte und Werte zusammen mit Produktmanagement und Vertrieb kontinuierlich entwerfen und testen.
    • Rahmen für Innovationsmanagement im Produkt und in den Mehrwerten vorgeben.
  • Vertrieb
    • Durchführung gezielter Experimente am Markt, dabei enge Einbindung von Produktmanagement und Marketing in die direkte Kundenarbeit.
    • People‑Management und Tool‑Expertise im Vertriebsteam.
    • Umsetzungsexperten in jeder Phase des Verkaufsprozesses – von erster Ansprache bis Abschluss und Ausbau.

Entscheidend sind Governance‑Formate, in denen diese Funktionen zusammenkommen – nicht für Statusberichte, sondern für gemeinsame Problemlösung. Top‑Performer arbeiten mit regelmäßigen Conversion‑Reviews, integrierten Marketing‑Sales‑OKRs und klaren ICP‑Definitionen und erreichen so deutlich höhere Lead‑to‑Customer‑Conversions.

Ein TOM, das diese gemeinsame Revenue‑Engine strukturell abbildet, macht sichtbar, wie Segmentierung, Positionierung, Prozesse und Systeme zusammenspielen – und wo Kultur Leistung ermöglicht oder verhindert.

4. Feedback‑, Lern- und Adaptionsmechanismen

Damit ein TOM in einer VUCA‑/BANI‑Welt nicht veraltet, braucht es systematische Lern‑ und Feedbackmechanismen – sonst erstarrt jede noch so gute Struktur. In der Performance‑Culture‑Perspektive sind einige Formate besonders wirkungsvoll:

  • Funnel‑Reviews (wöchentlich/monatlich)
    Analyse der Conversion‑Rates von Phase zu Phase, Betrachtung der Geschwindigkeit im Funnel und Diskussion von Abbruchgründen – idealerweise mit Beteiligung von Marketing, Vertrieb und Produktmanagement.
  • Win/Loss‑Analysen
    Systematische Auswertung gewonnener und verlorener Opportunities, inklusive Produktmanagement, um Marktfeedback in Roadmaps zu überführen.
  • Kampagnen‑Retrospektiven
    Gemeinsame Reflexion, welche Marketing‑Maßnahmen zu hochwertigen Leads geführt haben und welcher Content in Kundengesprächen tatsächlich eingesetzt wurde.
  • Voice‑of‑Customer‑Schleifen
    Strukturierte Rückkopplung von Vertrieb und Customer Service an Produktmanagement und Marketing, um Kundenerfahrungen in Produkt- und Marktentscheidungen einfließen zu lassen.
  • Lessons‑Learned‑Formate
    Etablierung einer Fehlerkultur, in der Misserfolge als Lernanlass gelten – nicht als Schuldzuweisung.

Psychologische Sicherheit wird in der Forschung als zentrale Voraussetzung genannt, damit solche Formate funktionieren: Teams mit hoher Sicherheit lernen mehr, passen ihr Operating Model schneller an und erzielen bessere Ergebnisse. Für mich ist das der dynamische Teil des TOM – hier entsteht die laufende Verbindung zwischen Struktur und Realität.

5. Arbeitsrituale: Deep Work und Challenger‑Verhalten

Struktur und Kultur bleiben abstrakt, wenn der Arbeitsalltag nicht dazu passt. Zwei Rituale halte ich im technischen B2B für besonders wirkungsvoll: Deep Work und ein gelebtes Challenger‑Verständnis im Vertrieb.

Deep Work als fester Bestandteil des TOM

Fragen wie
„Warum soll der Kunde uns und nicht den Wettbewerb wählen?“ oder
„Welche Mehrwerte stellen wir unserer Hardware an die Seite?“
lassen sich nicht im Meeting‑Takt zwischen fünf E‑Mails und drei Teams‑Calls beantworten. Sie erfordern konzentrierte, ablenkungsfreie Arbeit an anspruchsvollen Fragestellungen.

Ein TOM, das ernsthaft auf Differenzierung setzt, sollte deshalb feste Deep‑Work‑Phasen vorsehen, zum Beispiel:

  • wöchentliche Fokuszeiten, in denen Key‑Account‑Teams an Account‑Strategien, Segmentierung, ICPs und Value Propositions arbeiten – ohne operative Unterbrechung,
  • monatliche Deep‑Work‑Workshops mit interdisziplinären Teams, in denen zentrale Differenzierungsfragen und notwendige Anpassungen am TOM bearbeitet werden.

So wird aus „wir müssten uns mal Zeit dafür nehmen“ ein verbindliches Arbeitsritual.

Challenger‑Verhalten als Teil der Performance Culture

Ein Challenger‑Verständnis von Vertrieb bedeutet: Kunden und interne Routinen respektvoll zu challengen – nicht aus Rechthaberei, sondern aus Wertorientierung. Konkret heißt das für mich:

  • Kunden dabei zu unterstützen, ihre eigene Segmentierung, Wertlogik und Prioritäten zu reflektieren – und dort zu challengen, wo Chancen liegen, die der Kunde selbst noch nicht sieht.
  • Intern Prozesse, KPIs und Strukturen zu hinterfragen, wenn sie die oben beschriebene Kette („Segmentierung → Positionierung & Wettbewerbsvorteile → Kundenzufriedenheit → Kundengewinnung & Kundenbindung“) ausbremsen.

In einer psychologisch sicheren Kultur werden solche Challenger‑Impulse nicht als Störung, sondern als wichtiges Element von Lernen und Weiterentwicklung wahrgenommen – und fließen zurück in TOM, Performance Culture und Wertlogik.

6. Schlussgedanke: TOM + Kultur = gelebtes Betriebsmodell

Nach drei Teilen lässt sich der Kern für mich so zusammenfassen:

  • Teil 1: Ein TOM im technischen B2B ist notwendig, sollte aber leichtgewichtig, wertorientiert und anpassbar sein – und bewusst mit Kultur zusammengedacht werden.
  • Teil 2: Struktur, Segmentierung, Positionierung, Rollen, Prozesse, Systeme und KPI‑Logik schaffen den Rahmen – ohne jede Alltagssituation zu normieren.
  • Teil 3: Kultur, Performance Culture und Arbeitsrituale entscheiden darüber, ob dieses Rahmenwerk tatsächlich gelebt wird.

Ein Target Operating Model wirkt dann, wenn es zwei Ebenen gleichzeitig adressiert:

  1. Design – klare Entscheidungen zu Segmentierung, Positionierung, Rollen, Prozessen, Systemen und Kennzahlen.
  2. Verhalten – eine Kultur, in der Performance Culture, psychologische Sicherheit, Lernschleifen, Deep Work und Challenger‑Verhalten wirklich Platz haben.

Wenn beides zusammenkommt, entsteht ein TOM, das im technischen B2B nicht nur beschreibt, wie die Organisation arbeiten soll, sondern im Alltag sichtbar macht, wie sie tatsächlich arbeitet – und sich regelmäßig verbessert. Wenn nicht, bleibt es eine weitere, gut gemeinte PowerPoint im Archiv.

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